deus ex macchiato

Fabian Bazant-Hegemark's blog

Projekt 15% - Entschuldigung, bitte

Ich war, wenn ich die Grünen gewählt habe, immer schon Grüner Protestwähler. Damit meine ich, dass ich die Grünen nicht aus, sondern _unter_ Protest gewählt habe.

Mir war wichtig, dass eine Partei im Nationalrat vertreten ist, die gewisse demokratische Grundwerte unteilbar vertritt: Die Menschenrechte. Den Gleichheitsgrundsatz. Dass der Staat nicht über den Menschen stehen soll, sondern sie sein Arbeitgeber sind. Und so weiter. Die Grünen waren für mich ein kleinster gemeinsamer Nenner, bei dem ich die Sicherheit hatte, dass sie in den Nationalrat kommen werden, sprich meine Stimme also gezählt werden wird. Unser Wahlsystem ignoriert Stimmen leider, wenn sie an eine Partei gehen, die nicht eine bestimmte Hürde überschreiten.

Das letzte Mal, nach den zahlreichen Fuck-Ups der Grünen, dachte ich mir: Nein. Nicht um jeden Preis. Und gab meine Stimme einer Liste, die ebenso für diese Grundwerte steht, und von der ich dachte, dass sie vielleicht, wenn mehr Grünwähler_innen so denken wie ich, diesmal, ausnahmsweise, eine höhere Chance hat, in den Nationalrat zu kommen.

Nun, das hat nicht funktioniert.

Was mich aber trotzdem frustriert hat, war, wie die Grüne Parteiführung sich danach öffentlich gegeben hat: nämlich gar nicht. Man hat von ihr und der Partei fast ein Jahr lang nichts, absolut gar nichts mitbekommen. Schon von manchen einzelnen Menschen, aber die Luft war absolut draußen. Und das, wo es so viel zu tun und zu sagen gegeben hätte. Ich war, und darüber selbst überrascht: enttäuscht.

Dieser Enttäuschung machte ich im Juli 2018 in Form einer langen E-Mail - bzw. einer kurzen E-Mail mit einem langen Attachment - Luft. Ich schrieb einen Vier-Punkte-Plan zusammen, was ich glaube, das man politisch anders machen müsste, wo man Fehler gemacht hat, und wie man sich auf der politischen Bühne positionieren und vor allem verhalten müsste, um wieder einen Fuß in die Türe der Bevölkerung zu bekommen. Diese Mail schickte ich an die grünen Mitglieder des Bundesrates und die Parteiführung, außerdem die Bundespressesprecher_innen der Partei.

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass gerade ein Call for Papers von den Grünen lief. Im September erhielt ich eine Nachricht, dass mein "Paper" einer Jury vorgelegt worden war, und zu einem Gewinnertext gekürt worden war. Wait, what?

Ich wurde zum Zukunftskongress der Grünen eingeladen, um an einer kurzen Szene teilzunehmen. Dort durfte ich eine kurze, inhaltliche Frage beantworten, und es gab Kaffee und Kuchen.

Außerdem konnte ich mit Sophia Hochedlinger, die diesen Call von der Grünen Bildungswerkstatt aus betreute, sprechen. Das war mir wichtig, weil mein Text nie zur Veröffentlichung gedacht war: das war nun aber gewünscht: alle Gewinnertexte sollten auf der Seite des Calls zu lesen sein. Ich bat um eine kurze Zeit, meinen Text zu überarbeiten. Schließlich ist das Zielpublikum dann ein komplett anderes - ich habe den Text ursprünglich für eine bestimmte Handvoll von Menschen geschrieben, und nicht für eine grün-affine Öffentlichkeit.

Der Text ist jetzt fertig und seit heute online lesbar. Ich möchte mich herzlich bei Justina, Thomas, Tina und Christian bedanken, die mich mit Lektorat, Weinflaschen und Schultern zum Ausheulen unterstützt haben, sowie allen anderen, bei denen ich mich über politische Zustände auskotzen durfte. Vor allem möchte ich mich bei Sophia von der Grünen Bildungswerkstatt herzlich bedanken, die meine ständigen Nachfragen immer wieder geduldig beantwortete.

Hier der Link zur Seite mit allen ausgewählten Texten, bzw. direkt zur PDF mit meinem Paper, "Projekt 15%".