deus ex macchiato

Fabian Bazant-Hegemark's blog

Fear, Uncertainty, Doubt

Innenminister Kickl benutzt den Sicherheitsapparat für Verunsicherung

"Machen Sie Langfingern kein Geschenk!"
"Passen Sie auf Ihre Wohnung auf!"
"Wir brauchen mehr Polizisten!"
"Österreich ist in Gefahr!"
"Wir werden von Messerstechern bedroht!"

Bitte denk jetzt mal _nicht_ an ein rosa Einhorn.

Demokratien haben sich darauf geeinigt, die physische Gewalt an eine Stelle outzusourcen, die Polizei. Sie soll für Sicherheit sorgen, soll uns vor Verbrechern beschützen. Damit wir uns darum nicht sorgen müssen.

Dafür ist es wichtig, dass die Polizei eine gute Kommunikation mit der Bevölkerung pflegt: denn sie, die Polizei, hat eine große und gefährliche Macht: die Macht der Gewalt. Diese Macht braucht penible Kontrolle, sie braucht hohe Ideale, und sie braucht vor allem einen kühlen Kopf.

Die neue Führung des Innenministeriums begreift diesen Auftrag anders. Sie benutzt Taktiken des Marketings, um die Bevölkerung subtil zu verunsichern. Seit Monaten gibt es Announcen, dass neue Polizist_innen gesucht werden. Ein klares Zeichen: wir hätten zu wenig Exekutivbeamt_innen! Ist Österreich in Gefahr? Seit Wochen gibt es in Internetkanälen des Innenministeriums Werbungen, wie man Einbrüche besser verhindern kann. Ein Klares Signal: Österreicher_innen, die Einbrüche geraten der Polizei schon aus der Kontrolle, ihr müsst besser aufpassen! Und gestern sah ich zum ersten mal eine Anzeige in einer Wiener Straßenbahn: "Machen Sie Langfingern kein Geschenk: Passen Sie auf Ihre Wertsachen auf! - Ihre Polizei". Die Taschendiebe sind schon so ein großes Problem in Österreich, dass die Polizei sogar schon Anzeigen dagegen schalten muss!

Nichts davon lässt sich mit Zahlen belegen, aber der Effekt ist bekannt. Im Marketing heißt er "Fear, Uncertainty, Doubt" - Angst, Unsicherheit, Zweifel. Angst vor Möglichen Verbrechen. Unsicherheit, dass vielleicht doch etwas passieren könnte. Zweifel, ob die aktuellen Lösungen für das Problem ausreichen.

Nun haben bestimmte Einrichtungen immer wieder Interesse daran, Menschen zu verunsichern: Versicherungsfirmen etwa. Verkehrsbetriebe, die nicht wissen, wie sie sonst gegen Taschendiebe vorgehen sollen.

Bekannt ist das Beispiel von Rom: Dort haben vor vielen Jahren die öffentlichen Verkehrsbetriebe einmal angefangen, eine Durchsage zu machen: "Touristen: Bitte passen Sie auf Ihre Geldbörse auf! Es gibt in Bahnhöfen viele Taschendiebe!" Der Effekt? Die Taschendiebstähle nahmen zu. Woran lag das?

Der Effekt, den die Durchsage hatte, war bei den gerade in Termini ankommenden Tourist_innen vor allem: Verunsicherung. Habe ich meine Brieftasche noch bei mir? Sie griffen instinktiv auf ihre Geldbörse, und zeigten damit, ungewollt, Taschendieben genau an, wo sie zuschlagen müssen.

Hätte es keine Durchsage gegeben, wären natürlich trotzdem Taschendiebstähle passiert. Aber ein paar Opfer hätten sich vielleicht gar nicht erst auf das Silbertablett gelegt.

In der Sozialarbeit gibt es einen Begriff, der immer wieder erwähnt wird: das "Doppelte Mandat" - mit ihm beschreibt man den oft schwierigen Zwiespalt zwischen verschiedenen Wünschen und Vorstellungen von dem, was die Person, für die man arbeitet, sprich, von der man das Gehalt bekommt, will, und der Person, die man gerade betreut, die Klient_in, will.

Die Klient_in will vielleicht einfach nur eine Ruhe haben, aber die Institution, für die man arbeitet, hat ganz andere Vorstellungen für das Leben der Klient_in. Für wen arbeitet man eigentlich? In wessen Auftrag ist man unterwegs?

Wenn das Innenministerium solche Anzeigen schaltet, schafft sie für die Exekutivbeamt_innen ebenfalls so ein Doppeltes Mandat. Ist die Polizei dafür da, ein Sicherheitsgefühl zu erzeugen, oder ein Gefühl der Unsicherheit? Soll die Polizei uns beschützen, oder uns vor Bedrohungen warnen? Auch, wenn diese Bedrohungen gar nicht so echt sind?

Wir kommen zu dem rosa Einhorn vom Anfang zurück: hätte ich es nicht erwähnt, wärst du nicht auf den Gedanken gekommen, an ein rosa Einhorn zu denken - was sehr schade ist. Rosa Einhörner sind fucking awesome.

Wenn das Innenministerium mit Werbungen Ideen in unsere Köpfe pflanzt, erschwert es damit die Arbeit der Polizei. Und das ist eine Frechheit: der Exekutive gegenüber, uns Bürger_innen gegenüber, dem Staat gegenüber.




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